Die Bewegung
12
Apr

Die Geschichte des Hizmet

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Historisch ist  die Hizmet Bewegung (Hizmet = Dienst) in dieser zivilen muslimischen Tradition einzuordnen. Sie ist keine personenbezogene sondern projektbezogene soziale Bewegung. Entstanden in der „europäischsten Stadt“ der Türkei Izmir, hat sie sich mittlerweile zu einer transnationalen Bewegung die in mehr als hundert Ländern aktiv ist entwickelt. Die nunmehr fast 50 jährige Geschichte des  Hizmet kann in folgende Abschnitte eingeteilt werden:

 

1. Entstehungsphase des Hizmet (1968-1980) Dienst  im urbanen Umfeld

Fethullah Gülen, der selbst aus dem traditionell-religiös geprägten ostanatolischen Provinz Erzurum stammt, musste sich in Izmir, eine der  westlich geprägten Städte der Türkei bewähren. Er nahm  1966 an der Kestanepazari Moschee seien Predigertätigkeit auf und war zugleich Leiter des angegliederten Studentenwohnheims.   

In kürzester Zeit überzeugte er Menschen überwiegend aus der Mittelschicht, für seine Ideen und Lösungsansätze. Er war und ist zutiefst davon überzeugt, dass aus dem Islam auch für die komplexen Problem der Gegenwart Lösungen entwickelt werden können. Als Prediger erreichte er ein breites Publikum. Er ergänzte seine Predigertätigkeit mit Vorträgen zu diversen Themen in Sälen und Kaffees, organisierte  Sohbets (Kleingruppengespräche) und Dialoge, bei denen jeder jede Frage stellen konnte. 

Des weiteren entstanden in dieser Zeit die ersten Meşveretgruppen (Gruppen von 7-11 Personen) die über die Umsetzung von konkreten Projekten berieten. Zudem unterrichtete er Schüler und Studenten in den Islamwissenschaften.

In dieser Zeit entstehen also die wichtigsten Instrumente die in den Folgejahren konzeptionell weiterentwickelt wurden.

1)           Predigten bzw. Reden 

2)           Dialoge

3)           Sohbetgruppen (Gesprächskreise)

4)           Meşveretgruppen (Arbeitskreise)

5)           Unterweisung von Studenten

Der Charakter der Bildungsarbeit war in der ersten Phase religiös und es nahmen überwiegend Männer daran teil.  In dieser Zeit waren Tonkassetten auf denen die Predigten, Sohbets und Dialoge von Gülen aufgezeichnet wurden, das wichtigste Medium mit dem die Bewegung Türkeiweit bekannt wurde. Gülen würde unter dem Namen „Der weinende Hodscha“ berühmt, weil seine Predigten sehr emotional waren und er seine Zuhörer an dieser Emotionalität teilnehmen ließ. Es kam nicht selten vor, dass bei den Predigten alle gemeinsam weinten.

Im Februar 1978 beginnen dann Gülen nahestehende Personen die Monatszeitschrift SIZINTI (Die Fontäne) zu veröffentlichen. Gülen beginnt selber nun auch schriftstellerisch tätig zu werden. Er veröffentlicht Gedichte und verfasst Texte zum Grundlagen des Sufismus, zu wichtigen gesellschaftlichen Themen und über dem Islam im weitesten Sinne. Wichtige Persönlichkeiten aus dieser Zeit, die die besonderen Fähigkeiten von Gülen erkannt und ihn unterstützt haben sind Yaşar Tunagür, Hacı Kemal Erimez, Mehmet Ali Şengül und Abdullah Aymaz.

 

2. Reifungsphase: Hizmet im nationalen Kontext (1980-1991)

Ende der 1970’er Jahren zieht Gülen von Izmir nach Istanbul um. Seine  Predigten   und Sohbets   werden nun auch über Videokassetten einem breiterem Publikum zugänglich gemacht. Die ersten Privatschulen mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt und die ersten „Dersanes“ (Bildungseinrichtungen die Gymnasiasten auf die Hochschulprüfung vorbereiten) entstehen in dieser Zeit. Ende der achtziger Jahre ist Hizmet mit Schulen, Dersanes oder Studentenwohnheimen in fast allen türkischen Städten vertreten. Sie entwickelt sich in den säkularen Raum hinein. 1986 wird der Verlag, der die Zeitung Zaman veröffentlicht von Gülen nahestehenden Geschäftsleuten übernommen.Neben der Monatszeitschrift SIZINTI ist nun auch eine Tageszeitung unter den Medien der Bewegung.

Die achtziger Jahre sind auch die Jahre in der die kemalistisch - laizistischen Eliten der alten Ordnung  beginnen Kampagnen gegen ihn zu starten. Sie tragen ungewollt zu der Popularität Gülens bei. Nach dem Militärputsch 1980 ist er 6 Jahre auf Flucht, weil die Militärs in ihm eine Gefahr für Ihre Machenschaften sehen. Er wird 1986 von allen Vorwürfen freigesprochen und kann seine Predigertätigkeit wieder aufnehmen.

 

3. Öffnugnsphase des und die Internationalisierung: Die ersten Erfahrungen im post-sowjetischen Zentralasien   (1991-2001) 

Anfang der 90'er Jahre beginnt Die Ausdehnung der  Bewegung in den zentralasiatischen Raum, in die Balkanländer und auch Westeuropa.  Es entstehen hunderte von Schulen. Neben der Bildung gewinnt zunehmende der Medienbereich eine wichtige Rolle. Die Medien bieten neben der Berichterstattung über aktuelles und Unterhaltung auch die Möglichkeit der Selbstdarstellung und Reflexion der Arbeit (Hizmet). Gülens Ideen finden sich in unterschiedlichster Form in den Medien wieder. Im nationalen Kontext nimmt die Bewegung an Bedeutung zu. Gülen beginnt in dieser Zeit mit der Dialogarbeit. Er geht angefangen von den christlichen Minderheiten, auf Aleviten, Kemalisten und Agnostikern und auf alle anderen relevanten Gruppen zu um mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Seine Begegnungen mit Barthalomeos II und anderen christlichen geistlichen lösen in der Öffentlichkeit Debatten über den Umgang mit den christlichen Minderheiten aus. Sein Bestreben  nach einem gesellschaftlichen Konsens  mit verschiedenen Gruppen  findet Gestalt in der  Schriftsteller und Journallistenstiftung  und ihren Projekten. Er geht auch auf Politiker zu um mit Ihnen über gesellschaftlich relevanten Themen zu sprechen.  Gülen positioniert sich in dieser Zeit  klar in wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen. Er nimmt eindeutig Position für die Demokratisierung des Landes, für Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte und den EU Beitritt der Türkei. 

 

4. Phase: Eine muslimisch - humanistische Bewegung mit glokalen (global-lokalen)  Eigenschaften

Fethullah Gülen, der aus gesundheitlichen Gründen am 21.03.1999 in die USA ging, ist seitdem nicht in die Türkei zurückgekehrt. Im Juni 1999 findet eine weitere mediale Lynchkampagne gegen ihn, die unter anderem von den Militärs unterstützt wird. Obwohl er von allen Anschuldigungen freigesprochen wird, lebt er zurückgezogen und vermeidet öffentliche Auftritte. Er bezeichnet seinen gegenwärtigen Zustand selbst als freiwilligem Exil.

In den vergangenen 11 Jahren hat die Bildungsarbeit  jedoch globale Dimensionen erreicht. Insbesondere in den anglo-sächsischen Kulturraum (USA, England, Australien, Canada), kontinentaleuropäischen Kulturraum  (Deutschland, Polen, Frankreich, Dänemark, Holland) und in dem russisch-orthodoxen Kulturraum (Russland, Kaukasus, Balkan und Zentralasien) entstehen immer neue Bildungs- und Dialoginitiativen. Die Medien sind in dieser Zeit mehrsprachiger und professioneller geworden. Neben Türkisch werden Zeitschriften auf Deutsch, Russisch, English und Arabisch veröffentlicht. Gülen selbst nutzt  neben den  konventionellen Medien auch das Internet um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Mit wöchentlichen Videobotschaften (sonntags),  wöchentlichen Artikeln in Zaman und eigenen   Homepage in über 15 Sprachen hat jeder die Gelegenheit sich ein eigenes Bild von diesem Mann, der sein Leben dem Dialog, Frieden und Bildung gewidmet hat, zu machen.

 

 

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